Angst vor Rückschritt

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Letzte Woche habe ich einen alten Studienkollegen zum Kaffee getroffen. Martin, 42, Senior Manager bei einem Konzern in Wien. Wir saßen in einem dieser schicken Cafés im ersten Bezirk, und er erzählte mir von seinem neuen Audi Q7. Sieben Sitzplätze, alle Extras, Leasingrate 890 Euro im Monat.

„Brauchst du das wirklich, mit drei Kindern? Was ist aus deinem alten Auto geworden, das du so gern hattest?“, frage ich. „Eigentlich brauche ich den Audi nicht“, sagt er. „Der alte Passat hätte noch fünf Jahre gehalten.“

Dann erzählt er mir, dass er seit zwei Jahren eine Idee für einen Online-Kurs hat. Sich nebenbei was Eigenes aufbauen. Zum Thema Projektmanagement, sein Spezialgebiet. Er hat sogar schon ein erstes Konzept ausgearbeitet, in den Nachtstunden, wenn die Kinder schlafen. Aber er kommt nicht weiter. Zu wenig Zeit. Zu viel Stress im Job. Und jetzt das neue Auto.

„Weißt du“, sagt er, „mit der Leasingrate kann ich mir nicht leisten, auch nur einen Tag weniger zu arbeiten.

Das Gespräch ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Das Problem, über das niemand spricht

Wir haben ein gesellschaftliches Problem, über das niemand spricht: Angst vor Rückschritt.

Nicht die Angst zu scheitern. Nicht die Angst vor Neuem. Sondern die Angst davor, was die Leute denken, wenn du einen Schritt zurück machst. Wenn du vom neuen Audi zum alten VW wechselst. Wenn du aus der 120m²-Wohnung in eine 80m²-Wohnung ziehst. Wenn du deine Arbeitszeit reduzierst.

Das Problem ist nicht, dass wir nicht wissen, was uns glücklich machen würde. Das Problem ist, dass wir uns nicht trauen, den Preis dafür zu zahlen. Den sozialen Preis.

Mir ging es genau so

Ich habe das selbst erlebt, vor ein paar Monaten. Ich war angestellt, gutes Gehalt, der ganze Kram. Und ich hatte eine Idee für ein eigenes Projekt. Nichts Verrücktes, ein Newsletter, ein paar Beratungen nebenbei. Aber um das ernsthaft aufzubauen, hätte ich meine Arbeitszeit reduzieren müssen.

Das Schwierigste war nicht die Entscheidung selbst. Das Schwierigste war das Gespräch mit meiner Familie. Nicht, weil sie dagegen waren. Sondern weil ich ihnen sagen musste: „Wir werden weniger Geld haben. Vielleicht geht sich heuer kein Urlaub aus. Vielleicht müssen wir beim Auto Abstriche machen.“

Und dann kam der Teil, der mir noch schwerer fiel: Meinem Umfeld zu erklären, warum ich freiwillig weniger arbeite. Warum ich auf Karriereschritte verzichte. Warum ich „zurückgehe“, wie es manche nannten.

Die Frage, die mir immer wieder gestellt wurde: „Kannst du dir das leisten?“

Die Frage, die mir niemand gestellt hat: „Kannst du es dir leisten, es nicht zu tun?“

Selbst gekaufte Verpflichtungen

Hier ist die Wahrheit, die niemand aussprechen will: Wir kaufen uns Verpflichtungen, um dann zu sagen, dass wir keine Wahl haben.

Das neue Auto, weil „die Familie es braucht“. Die größere Wohnung, weil „die Kinder ihre eigenen Zimmer brauchen“. Der Urlaub in Thailand, weil „wir das nach dem stressigen Jahr verdient haben“.

Und dann sitzen wir da, mit einem Job, der uns unglücklich macht, aber wir können nicht weg. Zu viele Fixkosten. Zu viele Verpflichtungen. Zu viel zu verlieren.

Was ich neulich gelesen habe, bringt es auf den Punkt: Die Gesellschaft akzeptiert es nicht, wenn du dein Haus verkaufst und dir ein kleineres holst. Vom Lexus zum Toyota zu wechseln, das ist ein Problem. Nicht finanziell, sondern sozial.

Das größere Problem ist nicht das Downsizing. Das größere Problem ist das Festhalten an einem Leben, das dich unglücklich macht.

Weil Unglücklichsein hat Kosten. Versteckte Kosten, die auf keiner Rechnung stehen. Nämlich das Gefühl, dass das Leben an dir vorbeigeht, während du im Büro sitzt und Excel-Tabellen ausfüllst.

Erschöpfung. Die Energie, die du aufbringst, um so zu tun, als wäre alles okay, während du innerlich ausbrennst.

Verlorene Zeit. Mit deinen Kindern. Mit deinen Projekten. Mit deinen Träumen. Mit dir selbst.

Die schwierigste Entscheidung

Ich will nicht romantisieren. Ich will nicht so tun, als wäre es einfach, mit einer Familie zu sagen: „Wir ziehen in eine kleinere Wohnung, damit Papa seiner Leidenschaft nachgehen kann.“

Ich habe unglaublichen Respekt vor jedem, der diese Entscheidung treffen muss. Besonders, wenn Kinder involviert sind. Die Vorstellung, dass dein Siebenjähriger und dein Vierjähriger sich plötzlich ein Zimmer teilen müssen, weil du deinen Traum verfolgst. Das ist brutal.

Aber hier ist, was ich gelernt habe: Kinder merken nicht, ob sie in einer 120m²- oder einer 80m²-Wohnung aufwachsen. Sie merken, ob ihre Eltern glücklich oder unglücklich sind.

Sie merken nicht den Unterschied zwischen einem Audi und einem VW. Sie merken, ob Papa abends nach Hause kommt und noch Energie für sie hat oder ob er erschöpft auf der Couch sitzt.

Sie merken nicht, ob ihr in den Sommerferien nach Griechenland oder an den Baggerteich fahrt. Sie merken, ob ihre Eltern präsent sind oder nur körperlich anwesend.

Ein Schritt zurück aus Stärke

Ich sage nicht, dass jeder seinen Job kündigen und alles verkaufen soll. Das wäre zu kurz gedacht und unverantwortlich.

Aber ich sage: Wir sollten aufhören, so zu tun, als wäre Downsizing das Schlimmste, was uns passieren kann.

Manchmal ist das Beste, was du für dich und deine Familie tun kannst, einen Schritt zurück zu machen. Nicht aus Schwäche. Sondern aus Stärke. Weil du verstanden hast, dass Lebensqualität nicht an der Quadratmeterzahl oder am Automodell gemessen wird.

Weil du verstanden hast, dass die Alternative, festzustecken in einem Leben, das dich unglücklich macht einen viel höheren Preis hat als eine kleinere Wohnung.

Die Bottom Line

Die gesellschaftliche Angst vor dem Rückschritt hält uns in einem Leben gefangen, das wir nicht wollen. Aber Unglücklichsein kostet mehr als ein kleineres Auto oder eine kleinere Wohnung. Es kostet deine Zeit, deine Energie und deine Präsenz für die Menschen, die dir wichtig sind.

Lernen durch Machen.


Meine Frage an dich

Was hält dich wirklich davon ab, den nächsten Schritt zu machen? Ist es die finanzielle Unsicherheit oder die Angst davor, was andere denken?

P.S. Ich sage nicht, dass Downsizing die einzige Lösung ist. Aber ich sage: Wenn die Angst vor dem, was andere denken, deine größte Hürde ist, dann ist es vielleicht Zeit, diese Angst mal genauer anzuschauen.