Wenn man so will, ist das hier ein Neujahrsvorsatz.
Aber nicht einer von der Sorte „mehr Sport“ oder „gesünder essen“, die man am 15. Januar schon wieder vergessen hat. Sondern einer, der mir seit Wochen im Kopf herumschwirrt und den ich jetzt einfach ausspreche, bevor ich wieder drei Monate darüber nachdenke, ob er „gut genug formuliert“ ist.
Kurz vorweg zur Einordnung, falls du 15signals.com bisher nicht kennst: Es ist ein Tool, das LinkedIn-Posts findet, unter denen du strategisch kommentieren kannst, um Sichtbarkeit aufzubauen. Die Idee dahinter: Die meisten Leute haben keine Zeit für tägliche Posts, aber fünf Minuten für drei durchdachte Kommentare. Das Tool findet die richtigen Posts für dich.
Seit Monaten schreibe ich über Planung, Strukturen und systematisches Vorgehen für Nebenberuflich Durchstarten. Alles schön theoretisch. Alles sehr durchdacht. Und dann sitze ich da, merke: Die Theorie ist wie ein sauberer Garten. Die Praxis ist dagegen ein Dschungel, in dem man auch nach drei Monaten bislang nicht weiß, wo vorn und hinten ist.
Deshalb ändere ich jetzt etwas Grundlegendes.
Ab heute dokumentiere ich den Aufbau von 15signals .com komplett öffentlich. Jede Entscheidung, jeder Fehler, jede Herausforderungen, jede Kaffeepause (naja, die vielleicht nicht). Nicht, weil ich mutig bin oder weil „Build in Public“ gerade hot ist. Sondern aus einem sehr egoistischen Grund.
Ohne Außenperspektive baust du am Bedarf vorbei. Ich auch.
Vor drei Wochen habe ich Feature X gebaut. Hat mich 12 Stunden gekostet, verteilt über zwei Wochenenden. Airtable-Formeln optimiert, NotebookLM durchgefüttert mit Beispielen, Gemini nach dem perfekten Workflow gefragt. Letzte Woche habe ich es wieder gelöscht.
Warum? Weil ich beim Bauen nicht gemerkt habe, dass es niemand braucht. Ich war so fasziniert davon, was man mit diesen Tools alles machen kann, so überzeugt von der cleveren Automatisierung, dass ich vergessen habe zu fragen: „Alex, willst du das wirklich bauen, oder baust du das nur, weil es mit No-Code so schön einfach geht?“
Das ist das Heimtückische an No-Code und AI-Tools. Es geht so schnell. Du hast eine Idee, fragst Gemini, baust in Airtable einen Prototyp, und zwei Stunden später läuft schon irgendwas. Das fühlt sich produktiv an. Ist es aber nicht, wenn am Ende niemand das Ding braucht.
Hätte ich das öffentlich gemacht, nur ein simples LinkedIn-Post „Arbeite gerade an Feature X mit Airtable, weil…“, dann hätte vermutlich jemand gefragt: „Und wer braucht das?“ Ich hätte zwei Wochenenden gespart.
Die Wahrheit über Build in Public (BiP): Es macht dich nicht transparent. Es macht dich ehrlich.
Ich kenne die übliche Story. „BiP schafft Vertrauen.“ „BiP validiert deine Ideen.“ „BiP bringt dir Community.“ Alles richtig. Aber das ist die Konsequenz, nicht der Grund.
Der eigentliche Grund ist simpler und egoistischer: Wenn ich öffentlich sage „Nächste Woche baue ich Feature Y“, dann muss ich mir vorher überlegen, warum ich das überhaupt baue. Nicht technisch warum. Sondern strategisch warum. Weil ich weiß: Jemand wird fragen. Und wenn ich keine gute Antwort habe, sollte ich es nicht bauen.
Das zwingt mich, vor jeder Entscheidung innezuhalten. Nicht aus Angst vor Kritik, sondern weil öffentliche Dokumentation eine Art Selbstverpflichtung schafft. Ich kann mir selbst nicht mehr vormachen, dass ich „nur mal schnell“ drei Stunden in etwas stecke, das eigentlich zweitrangig ist.
Vor zwei Jahren hätte ich das anders gemacht. Da hätte ich 15signals.com im Stillen gebaut, sechs Monate entwickelt, und dann mit großem Tamtam gelauncht. Perfekt ausgearbeitet. Alle Features fertig. Alles durchdacht.
Und vermutlich wäre es gefloppt. Weil ich sechs Monate lang in die falsche Richtung gelaufen wäre, ohne dass mir jemand gesagt hätte: „Alex, du läufst gegen eine Wand.“
Was sich konkret ändert (und was das für dich bedeutet)
Ich mache ab jetzt etwas Ungewöhnliches. Dieser Newsletter wird mein „Arbeitstagebuch“ für 15signals.com. Nicht als Marketing-Kanal, sondern als Dokumentation dessen, was ich wirklich mache.
Auf LinkedIn teile ich die Quick Wins und die aktuellen Herausforderungen. Das ist der Puls, die Echtzeit-Gedanken. Aber hier im Newsletter gehe ich tiefer. Hier schaue ich zurück auf die Woche und frage: „Was habe ich eigentlich getan? Warum? Und war das klug?“
Du bekommst keine polierte Success-Story. Du bekommst die ungeschminkte Version: Wie ich mit 8 Stunden pro Woche versuche, ein Produkt zu bauen, während ich Vollzeit arbeite und Familie habe. Die Fehlentscheidungen. Die Stunden, die ich verschwendet habe. Jene Momente, in denen ich kurz davor war, alles hinzuschmeißen.
Warum sollte dich das interessieren? Weil du vermutlich in einer ähnlichen Situation bist. 35+, Familie, Job, wenig Zeit. Du möchtest etwas aufbauen, aber du weißt nicht genau wie. Und alle Ratgeber da draußen sind entweder von Leuten geschrieben, die Vollzeit gründen, oder von Leuten, die über Theorie reden, ohne selbst zu bauen.
Ich mache beides nicht. Ich baue mit denselben Einschränkungen wie du. Und ich dokumentiere, was funktioniert und was nicht.
Lernen durch Machen – aber öffentlich.
Die Frage, die ich mir nicht mehr stelle
„Ist das gut genug zum Veröffentlichen?“ Diese Frage stelle ich mir nicht mehr. Weil sie die falsche Frage ist.
Die richtige Frage ist: „Habe ich diese Woche etwas gelernt, das für andere wertvoll sein könnte?“ Und die Antwort ist fast immer ja. Nicht weil ich so schlau bin, sondern weil Fehler meistens lehrreicher sind als Erfolge.
Nächste Woche schreibe ich über die erste große technische Hürde bei 15signals.com. Nicht darüber, wie ich sie „gemeistert“ habe, sondern darüber, wie ich drei verschiedene Lösungen ausprobiert habe, zwei davon in den Müll geworfen habe, und warum die dritte Lösung funktioniert, obwohl sie technisch die „schmutzigste“ ist.
Du wirst sehen: Systematischer Aufbau sieht von außen nicht systematisch aus. Er sieht nach Trial-and-Error aus. Weil er das ist.
Lernen durch Machen.
Meine Frage an dich
Woran ‚bastelst‘ du gerade, ohne vorher gefragt zu haben, ob es jemand braucht?
P.S. Ich habe diesen Newsletter dreimal umgeschrieben. Die Ironie ist mir nicht entgangen.