Achtzig. Zwanzig. Go.

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Letzte Woche Donnerstag. Ich sitze wieder mal vor meinem Laptop und überarbeite zum vierten Mal die Willkommens-E-Mail für neue Newsletter-Abonnenten. Die Struktur stimmt. Der Ton passt. Die Links funktionieren.

Hmm, irgendwas fehlt noch.

Vielleicht sollte ich das eine oder andere noch persönlicher schreiben? Oder noch ein wenig kursiv hier, ein wenig fett dort. Da noch eine bessere Formulierung finden?

Ich klicke auf „Speichern als Entwurf“.

Wieder. Und wieder.

Der verdammte E-Mail ist seit drei Wochen fertig. Technisch gesehen. Sie liegt im System, wartet darauf, versendet zu werden. Aber es fühlt sich für mich noch nicht… naja, so perfekt an.

Es ist einfach noch nicht zu 100% bereit.

Am nächsten Morgen spreche ich mit einem Freund darüber. Er ist Designer, arbeitet für eine bekannte Agentur, hat jahrelange Erfahrung. Ich zeige ihm das E-Mail. Er scrollt kurz durch, nickt. „Hey, Man. Das ist gut. Warum ist das noch nicht live?“

„Naja“, sage ich, „ich will noch… ich bin noch nicht sicher, ob…“.

Er unterbricht mich. „Du weißt schon, dass das, was für dich 80% ist, für die meisten Menschen bereits 120% ist, oder?“

Ich starre ihn mit großen Augen an.

„Nur du siehst all die Kleinigkeiten, die noch fehlen“, sagt er. „Das sieht niemand anders. Andere sehen nur: Durchdachte Struktur, klarer Ton, funktionierende Links. Die sehen ein professionelles E-Mail. Du siehst die Lücke zwischen deinem inneren Standard und dem, was da ist.“

Wir warten auf ein Gefühl, das nie kommt

Das Problem ist nicht, dass die Arbeit nicht gut genug ist. Das Problem ist, dass dein innerer Standard sich ständig verschiebt. Sobald du 80% erreichst, definiert dein Hirn neu, was 100% bedeuten würde.

Die Ziellinie bewegt sich mit dir mit. Mit der Kraft deiner Expertise.

Um das in den Griff zu bekommen, habe ich mir eine einfache Regel gegeben: Wenn etwas zu 80% fertig ist, nach meinem eigenen, überkritischen Urteil, dann geht es live, dann wird es veröffentlicht. Beinhart. Keine weitere Review-Runde. Kein Herumfeilen. Keine Nacht drüber schlafen.

80% und dann Go.

Der E-Mail-Newsletter? Verschickt, ohne den fünften Edit. Der LinkedIn-Post, den ich seit zwei Wochen im Entwurfsordner liegen hatte? Veröffentlicht.

Was ist passiert?

Nichts. Niemand hat sich beschwert. Niemand hat geschrieben: „Hey, diese E-Mail wirkt irgendwie unfertig.“ Im Gegenteil. Die E-Mail-Öffnungsrate liegt bei 90%. Der erste LinkedIn-Post hat über 100 Impressions.

Das waren alles Dinge, die ich wochenlang vor mir hergeschoben hatte, weil sie sich nicht „ready“ angefühlt hat.

Und dann, mit 80%, hat’s genauso gut funktioniert.

Magic Moment.

Perfektionismus ist keine Qualitätskontrolle

Solange etwas nicht fertig ist, kann es auch nicht scheitern. Solange das E-Mail im Entwurf liegt, kann niemand schreiben: „Das interessiert mich nicht.“ Solange der Post nicht veröffentlicht ist, kann niemand vorbeiscrollen, ohne zu liken. Solange das Projekt nicht live ist, kann es auch nicht floppen.

Der Perfektionismus schützt uns nicht vor schlechter Arbeit. Er schützt uns vor dem Urteil anderer und vor unserem eigenen Urteil darüber, ob das, was wir tun, relevant ist.

Dieser Schutz kostet mehr, als ein echtes Scheitern jemals kosten würde.

Nehmen wir mein E-Mail. Drei Wochen im Entwurf bedeuteten drei Wochen verpasste Verbindung zu meinen Lesern. Drei Wochen, in denen sie vergessen könnten, warum sie sich überhaupt angemeldet haben.

Das Warten auf 100% hat somit reale Kosten. Kosten, die ich nicht sehen wollte, weil ich zu beschäftigt war, mit dem Gefühl, dass „er noch nicht ready ist.“

80-20 funktioniert

Du hast einen Job, in dem du seit Jahren hohe Standards erfüllen musst. Du hast Erfahrung, Skills, einen inneren Qualitätskompass. Das bedeutet: Was für dich „gerade mal okay“ ist, ist für jemand anderen bereits überdurchschnittlich.

Kurzer Ausflug in die Mathematik (darf auch überlesen werden). Wenn deine 100% auf der objektiven Skala bei 150% liegen, dann sind deine 80% immer noch bei 120% (150% – 20%). Anders gesagt. Du kannst 20% weniger geben, weniger polieren, weniger überarbeiten, weniger grübeln, und landest mit deinen 120% immer noch über dem, was als „sehr gut“ gilt.

Zu verwirrend? Merk dir: Du bist der PRO und deine 80% sind für andere 120%.

Das heißt nicht, dass Standards egal sind. Es heißt, dass der Unterschied zwischen 80% und 100% nur in deinem Kopf existiert.

Das ist der blinde Fleck: Du vergleichst deine Arbeit mit einem imaginären Ideal. Andere vergleichen sie mit dem, was sie normalerweise sehen und das ist meistens deutlich weniger durchdacht als das, was du bei 80% ablieferst.

Dein „nicht fertig“ ist bereits überdurchschnittlich.

Während du wartest, verpasst du Möglichkeit für Verbindung mit deinen Lesern, Feedback und Momentum.

Die bessere Strategie? Achtzig. Zwanzig. Go.

80% fertig nach deinem Standard. 20% für deinen Mut, es trotzdem rauszuhauen.

Go PRO.

Das ist keine Lizenz für schlechte Arbeit. Das ist eine Erlaubnis, deine eigenen überzogenen Standards zu hinterfragen. Das ist ein Reality Check: Was du als „unfertig“ empfindest, ist für die meisten bereits mehr als genug.

Du hast die Expertise, die anderen nicht. Vertraue darauf.

Lernen durch Machen.


Meine Frage an dich

Was liegt bei dir seit Wochen oder Monaten im Entwurf? Was fühlt sich „fast fertig, aber noch nicht ganz“ an?

Tipp: Raus damit.

P.S. Das E-Mail, das ich damals mit der fünften Überarbeitung fast ruiniert hätte? Es funktioniert. Nur noch eine kleine Anpassung. Der Rest war von Anfang an gut genug.