Letzten Mittwoch. Ich sitze mit meiner Partnerin beim Abendessen. Die Kinder sind gerade ins Bett gegangen und ich scrolle durch alte Urlaubsfotos auf meinem Handy. „Schau mal“, sage ich und zeige ihr die Bilder von unserer Italien-Reise vor drei Jahren. „Weißt du noch, wie entspannt wir damals waren? Keine Business-Gedanken, kein Newsletter-Stress, einfach nur…“
Sie unterbricht mich. „Du warst damals auch gestresst. Du hast die ganze Zeit über deine Jobsituation geredet und dass du was ändern musst.“ Ich möchte widersprechen. Aber sie hat recht. Ich bin nicht immer so präsent, wie ich sein will. Es ist nicht immer so. Aber mir ist ein Muster aufgefallen. Wenn etwas in der Gegenwart unbequem wird, will ein Teil meines Gehirns woanders sein.
Manchmal arbeite ich an etwas Stressigem für GoPlanB , und ich ertappe mich: „Weißt du noch, als du diese Probleme noch nicht hattest?”
Pendeln zwischen Vergangenheit und Zukunft
Ich pendel zwischen zwei Orten. Vergangenheit und Zukunft.
Wenn die Gegenwart sich schwer anfühlt, ziehe ich mich in Erinnerungen zurück. Daran, wie es war, als ich jünger war, fitter, weniger Verpflichtungen hatte. Als ich dieses Gewicht noch nicht mit mir rumgetragen hab.
Und wenn das nicht funktioniert? Springe ich in die Fantasie-Zukunft. Ich stelle mir eine Zeit vor, in der es weniger Stress geben wird, weniger Sorgen, mehr Freiheit. Wenn ich endlich Zeit haben werde für all die Dinge, die ich machen will.
Dieses magische Irgendwann.
Das Problem ist nicht, dass wir zu viel nachdenken. Das Problem ist, dass wir überall sind – nur nicht im Jetzt.
Der Preis des Nicht-Hier-Seins
Was ich immer mehr verstehen lerne: Was ist der Preis dafür?
Es geht nicht darum, dass ich mich manchmal schlecht fühl. Der Preis des Nicht-Hier-Seins ist, dass ich Teile meines tatsächlichen Lebens verpasse, während sie gerade passieren.
Ich glaube, das ist ein Bewältigungsmechanismus. Die Art meines Gehirns, den unbequemen Teilen des Jetzt auszuweichen.
Älter werden. Für die Familie sorgen müssen. Der Stress, nebenbei was aufzubauen, während der Hauptjob weiterläuft. Nie das Gefühl zu haben, dass man sein kreatives Potenzial erreicht oder Zeit findet für all die Dinge, die man eigentlich machen will.
Diese Dinge sind real. Sie sind schwer. Und manchmal sind sie unbequem, wenn man mit ihnen dasitzt.
Also flüchte ich manchmal. Entweder zurück in eine Zeit, als ich diese Probleme noch nicht hatte. Oder vorwärts in eine Fantasie, wo ich sie nicht mehr haben werde.
Keiner dieser Orte existiert
Die Vergangenheit, die ich romantisiere? Damals war auch nicht alles schön. 2022 war ich täglich gestresst wegen Geld. Ich hatte einen fordernden Job und keinen klaren Weg nach vorne. Aber an diese Teile erinnere ich mich nicht, wenn ich alte Fotos durch die rosa Brille betrachte.
Und die Zukunft, von der ich träume? Ich bezweifle, dass sie so ankommen wird, wie ich sie mir vorstelle.
Denn wenn ich dort ankomme, wird es neuen Stress geben, neue Probleme, neue Gründe, warum mein Gehirn in Erinnerungen oder Fantasien flüchten will.
Der einzige Ort, der tatsächlich existiert, ist jetzt gerade. Den will ich nicht verpassen.
Eine halbe Stunde im Jetzt
Nach diesem Gespräch beim Abendessen bin ich noch eine Weile sitzen geblieben. Hab es einfach wirken lassen.
Dann hab ich was gemacht.
Ich hab mein Handy genommen und meinem Freund Martin geschrieben. „Morgen Abend, Zeit für ein Bier? Muss raus hier.“ Er hat nach zehn Minuten geantwortet. Passt.
Dann hab ich online nach Veranstaltungen hier in Wien gesucht, die im nächsten Monat stattfinden. Hab ein Kabarett gefunden und zwei Karten gekauft. Hab meine Partnerin nicht mal vorher gefragt. Hab sie einfach gekauft, weil ich wusste: Wenn ich zu lange darüber nachdenke, rede ich mir das wieder aus.
Dann hab ich ein paar alten Studienkollegen geschrieben wegen eines Treffens innerhalb der nächsten zwei Wochen. Nicht irgendwann. Nicht, wenn sich die Dinge beruhigt haben. Ein konkreter Termin, ein konkreter Ort. Das Ganze hat eine halbe Stunde gedauert.
Und als ich fertig war, hab ich mich anders gefühlt. Nicht, weil ich irgendetwas erledigt oder mein Zeitreise-Problem gelöst hätte. Sondern, weil ich für eine halbe Stunde tatsächlich hier war. Im Moment. Daran gearbeitet hab, die Gegenwart besser zu machen, anstatt mir zu wünschen, sie wäre’s.
Präsent sein ist Übungssache
Durchhalten ist keine Charakterfrage. Präsent sein auch nicht.
Ich versuch besser darin zu werden, zu bemerken, wenn mein Gehirn flüchten will. Und wenn ich es erwische, arbeite ich daran, mich zurückzuholen.
Ich frag mich: Was ist eigentlich gut an jetzt gerade? Was kann ich mit diesem gegenwärtigen Moment anfangen, anstatt mir zu wünschen, er wäre anders?
Es ist nicht perfekt. Ich erwisch mich immer noch dabei. Aber ich erkenne das Muster definitiv besser.
Viele Menschen fallen in diese Falle. Wir flüchten in Erinnerungen, wenn die Gegenwart sich schwer anfühlt. Wir flüchten in Fantasien, wenn Erinnerungen nicht helfen. Und wir nennen es Nostalgie oder Ehrgeiz oder Reflexion oder Planung.
Es ist egal, wie wir es nennen. Wir vermeiden nur, hier und jetzt zu sein.
Aber die Vergangenheit hatte auch ihre Probleme. Und die Zukunft wird ihre eigenen, neuen Probleme haben. Der einzige Ort, an dem wir tatsächlich leben können, ist hier und jetzt.
Und wenn wir in unseren Köpfen woanders sind, verpassen wir ihn.
Lernen durch Machen.
Meine Frage an dich
Erwischst du dich manchmal dabei, wenn die Gegenwart sich schwer anfühlt? Wohin flüchtet dein Kopf dann?
P.S. Das bedeutet nicht, dass Planen schlecht ist oder dass Erinnerungen keinen Wert haben. Es geht um die Flucht vor dem Unbequemen. Den Unterschied erkennst du daran, wie du dich fühlst: Planst du aktiv, oder träumst du dich weg?